Samstag, 28. April 2018

Der Großinquisitor (Teil 7)

Alle werden glücklich sein, bis auf uns, die Hüter des Geheimnisses: Wir tragen den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse, von richtig und falsch, zumindest geben wir das vor und die Menschen glauben uns. Aber niemand weiß, was wahrhaft gut und wahrhaft böse. Gibt es das Böse überhaupt, die Freiheit, Gott?

Ich wusste es als Kind und war mir sicher, jetzt aber bin ich es  nicht mehr und muss umso selbstgewisser dem Volk gegenüber treten, muss ihnen den Weg weisen, die strafen, die von ihm abweichen und alle segnen. Aber es ist mir kein Glück mehr wie zu jener Zeit, als ich zum Priester geweiht und mir die Menschen die Hände küssten. Da waren wir eins, sie und ich, die Menschen der Leib und ich berufen zu führen. Heute bin ich müde und tue meine Pflicht, tue, was mir mein Gewissen gebietet, mehr nicht. Still möchte ich sterben und jenseits des Grabes nichts weiter mehr finden als meinen Tod in alle Ewigkeit.

Glaube ich noch an Gott? Eher nicht, aber ich weiß es auch nicht. Wenn Gott die Welt erlöste, so wäre ich überrascht, aber es war all die Jahre meine Lebensglut, die allmählich schwächer wurde und nun vor dem Erlöschen steht.

Wenn Du aber am Jüngsten Gericht kämest mit Deinen Auserwählten und all jene, die unter unserem Schutze ihr schmutziges kleines glückliches Leben geführt, zu verurteilen gedächtest, ich träte Dir entgegen mit den Worten: Verurteile nicht sie, sondern uns! Wir haben nicht nur für die Starken gelebt, die die Versuchungen von sich zu weisen wussten, sondern für die Millionen, die diese Kraft nicht hatten, die unter der Last des Gutseins zusammenbrachen und ihr Leben im Dreck der alltäglichen Sünde zubrachten.

Ich war selbst in der Wüste, auch ich habe von Heuschrecken und Wurzeln gelebt, auch ich segnete die Freiheit, die Du den Menschen geschenkt, auch ich wollte zu Deinen Auserwählten gehören, bis ich zur Besinnung kam und mich abwandte, dem Wahnsinn zu dienen. Deine Last ist zu schwer, Du verlangst, woran Millionen scheitern mussten, darum schloss ich mich jenen an, die Deine Tat verbesserten, ich ging fort von den Stolzen, die sich über den Rest erheben und zurück zu den Demütigen, um sie glücklich zu machen!"

Der Großinquisitor nahm den Leuchter wieder in die Hand, näherte sich ihm und schaute lange in seine Augen, ohne zu sprechen. Das Weiße seines linken Auges war fast vollständig mit Blut unterlaufen und gab ihm das Aussehen eines kranken, unheimlichen Menschen. 

Da näherte Er sich plötzlich dem Greis und küsst ihn ohne ein Wort auf die blassen, kalten Lippen. Die Mundwinkel des Greises beginnen zu zucken, er wendet sich zur Tür, öffnet sie und sagt zu Ihm:

"Geh weg und komm nicht mehr wieder. Geh!"

Ende "Der Großinquisitor" nach

Fjodor Dostojewskij, adaptiert von Gerhard Stenkamp

Freitag, 27. April 2018

Der Großinquisitor (Teil 6)

Der letzte große Wunsch, die letzte große Qual der Menschheit ist es, sich zu vereinigen, ist die Weltherrschaft, wenn alle Menschen unter einem Gesetz und mit einem Schwert gerichtet werden: Die ganze Welt ohne Krieg und Ruhe vor dem jahrtausendealten blutigen Ringen der Völker.

Hättest Du dem Geist gedient, der Dir die Weltherrschaft angedient, hättest Du zu ihm gebetet um der Herrschaft über die Menschheit Willen, statt ihn als Satan zu beschimpfen und zu beleidigen, wieviel Millionen Menschen hättest Du damit das Leben retten können! Du aber warst stolz und hochmütig, Du behauptest nur dem einen wahren Gott zu dienen. Ich sage Dir, es gibt mindestens zwei Götter, der eine heißt das Leben, der andere das Glück!

Du hättest Dich in Purpur gewanden können, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Palmenzweig in der anderen, sie hätten gejubelt: Hosanna, gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt, Hosanna in der Höhe, so wie sie es getan bei Deinem Ritt auf dem Esel in Jerusalem, aber Du hättest sie nicht betrogen, Du hättest sie nicht getäuscht und wärst nicht ans Kreuz geschlagen worden, sondern hättest zerschmettert die, die gegen Dich das Schwert erhoben.

So aber hast Du Verwirrung hinterlassen, das im Chaos enden wird, so blieb die Menschheit unvereint und beginnt sie erneut einen babylonischen Turm zu bauen, der ihre Kinder erschlagen und sie wieder zu Menschenfressern machen wird.

Ich sehe den Propheten gleich in die Zukunft und ich kann den räudigen Atem riechen, die Ströme von Blut sehen und dann werden sie zu uns zurückgekrochen kommen, uns die Füße lecken und ihre blutigen Tränen werden den Boden nässen auf dem wir gehen und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben auf dem für jeden sichtbar geschrieben steht: 

Das Geheimnis!

Danach beginnt für die Menschheit das Reich der Ruhe und des Glücks!

Sei Du stolz auf Deine Auserwählten, aber Du hast nur Deine Auserwählen, während wir ALLEN Frieden und Glück bringen. Die Menschen werden nicht mehr rebellieren und einander vernichten, denn wir werden ihnen erklären, dass sie erst dann wahrhaft frei, wenn sie uns ihre Freiheit schenken und uns gehorchen. Wir werden sie befreien aus der Sklaverei des Zweifels und der Verwirrung, wir werden die Wissenschaften kontrollieren und unterwerfen, denn ihre Wege führen oft in den Abgrund.

Sie werden zu uns zurückkriechen und uns zuheulen: "Ja, ihr hattet recht, wir kehren zurück, rettet uns vor uns selbst."

Wir werden ihnen Brot geben, ihr Brot, das sie mit ihrer Hände Arbeit und ihrem Schweiß gemacht, aber wir werden es gerecht verteilen und sie werden uns die Hände dafür küssen, denn sie werden sich erinnern, dass sie früher einander das Brot aus ihren Händen gerissen und sie es im Kampf mit ihren Füßen zerstampften.

Wir werden den Menschen ein stilles, ein friedliches Glück gewähren, das Glück der Menschen, die ihren Hochmut und Stolz abgelegt haben, das Glück der Kinder, denn welches Glück ist süßer als das der Kinder. Schüchtern werden sie aufschauen, sich an uns schmiegen und geduldig warten, dass wir sie mit einem Streicheln liebkosen. Wir werden die störrische Herde von tausenden Millionen zähmen, ihre Tränen trocknen, denn sie werden schnell zum Weinen geneigt sein und zittern vor unserem  Zorne, aber ebenso leicht, durch einen Wink, eine kleine aufmunternde Geste werden sie wieder fröhlich lachen und glückselig singen.

Wir werden sie zur Arbeit zwingen, aber in ihrer arbeitsfreien Zeit ist das Leben eine Art Spiel, mit Chorgesängen und Tänzen, und in den tiefen Stunden der Nacht voll freudvoller Sünden und sie werden uns lieben dafür, dass wir ihnen gestatten zu sündigen, sofern sie mit unserer Erlaubnis geschehen und sie keine Geheimnisse vor uns haben: mit Lust und Freude wird sich die Menschheit unterwerfen, denn das Schlachten hat mit unserer Herrschaft ein Ende!

Mittwoch, 25. April 2018

Der Großinquisitor (Teil 5)

Dir genügte es nicht, dass die Menschen Dir zu folgen bereit, wenn Du sie mit genügend Wundern bezaubertest, Nein, sie sollen Dich auch noch lieben, mit ganzem Herzen und ganzem Geist, während sie der Hunger beißt, sie sollten Dir nachfolgen aus freiem Willen, entzückt und betört, so dass alles irdische und menschliche vergessen und überwunden. Du allein, Dein Vorbild sollte ihr Führer sein, doch hast Du nicht verstanden, was Du damit den Menschen angetan! Eine furchtbare Bürde hast Du ihnen auferlegt, ein Kreuz, das viel schwerer zu tragen, als das, woran man Dich geschlagen hat.

Als Du auf der Zinne standst und der Geist an Dich herantrat, Du mögest Dich hinunterstürzen, denn Gott werde Dich schützen und von seinen Engeln auf Händen getragen zur Erde geleiten, da hast Du widerstanden, stolz und selbstsicher. Du brauchtest Gott nicht auf die Probe zu stellen, denn Du bist Gottes Sohn. Wir aber, wir Menschenkinder, sind erst erlöst, wenn wir Gewissheit haben und die ist nicht zu haben, wenn man verkündet, man könne vom Kreuze herabsteigen, aber tue es nicht, weil die ganze Welt erlöst werden muss, dann aber seinen letzten Atem ausröchelt!

Der Mensch bedarf der Wunder, um zu glauben, erst wenn Wunder sichtbar geschehen, wird die Menschheit niederfallen und das Höchste, was auch immer es sei, verehren.

Warum hast Du Wasser in Wein verwandelt, warum hast Du heute das Kind zum Leben erweckt, den Blinden sehend gemacht? Weil auch Du nicht ganz auf Wunder verzichten kannst. Erst darum vermagst Du die Menschen zum Höchsten auffordern, Gehör finden und dennoch versagen sie.

Da Dein Reich nicht angebrochen, hat der Mensch begonnen, selbst Wunder zu vollbringen, unheilbar Kranke zu heilen, Blinde sehend zu machen, Dinge, die man früher für Zauberei gehalten, geschehen heute, weil Du ihm Deine Wunder hingeworfen und in den Himmel aufgefahren bist. Wenn Du aber 5000 Fisch und Brot im Überfluss gibst, warum nicht all den anderen, die weit entfernt und hungrig sind?

Du willst die Menschen nicht durch Wunder knechten und tust es doch, ein wenig und damit aber ganz! Du wünscht die freie Liebe und nicht das sklavische Entzücken der Menschheit. Warum willst Du dann überhaupt wiederkommen und uns erlösen? Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen und noch heute stehst Du in einem zerrissenen Mantel vor mir, wozu? Um uns zu stören?

Wieso glaubst, Du dürfest die Menschheit so hoch einschätzen, dass sie Dir wahrhaft nachzufolgen imstande. Glaube mir, sie sind schwächer und niedriger, als Du denkst und indem Du sie viel zu hoch eingeschätzt hast, hast Du sie verdammt zu versagen, hast Du gehandelt, als wenn Du sie gar nicht liebtest. 

Ich weiß, die Menschen rebellieren auch gegen uns, die Kirche, gegen mich. Sie sind stolz darauf und sie beginnen an den Toren der Tempel zu rütteln. Sie werden Mauern niederreißen und dies als neues Wunder feiern, denn kein zürnender Gott wird sie mit einem Regen aus brennendem Pech dafür strafen. Doch glaube mir: Das werden sie selbst tun, sie werden die Erde mit Strömen aus Blut überschwemmen gegen die all meine strengen Verhöre und all meine Urteile zum Tode wie ein kleiner fauler Apfel, der im Sturm der Geschichte zu Boden gefallen.   

Dienstag, 24. April 2018

Der Großinquisitor (Teil 4)

Warum aber teilen die Menschen so wenig, was sie anbauen und oft im Überfluss ernten, damit jeder satt werde? Warum beginnen sie schon wieder einen Turm in den Himmel zu bauen, statt zuerst die Not aller zu stillen und dann einen Turm zu bauen, der in die Wolken ragt? 

Weil der Mensch lasterhaft ist, weil er charakterlich kraftlos, selbstsüchtig und masslos! Darum verschlingen sie ihr Brot und werfen, was übrig bleibt, weg, statt dankbar all jenen zu geben, die zu wenig oder nichts haben, entwerfen sie Projekte, wie sie die Mauern ihrer Stadt höher und breiter ausbauen können, um dann aus den Toren mit einem Heer zu ziehen und die Nachbarn zu versklaven.

Und Du verlangst, er solle gar, wenn der Hunger quält, dem Brot widerstehen! Das nennst Du Freiheit?

Die Menschheit wird einen neuen Turm zu Babel bauen, weit größer als der erste und sie werden erneut scheitern, weit folgenreicher und schrecklicher als beim ersten Mal. Die Menschheit wird uns Priester, uns Hirten des Glaubens beginnen zu verachten, zu bespucken, zu jagen und martern, aber wenn ihr Turm über die ganze Welt hereinbrechen wird, dann werden sie nicht nur um das leibliche Brot betteln, sondern uns auch um die Lieder vom himmlischen Brot bestürmen, wenn ihre Kinder zerschmettert durch ihrer eigenen Torheit Taten, ihren Wahnsinn, dann werden sie rufen: "Es ist sinnlos frei zu sein, wir schenken euch unsere Freiheit, knechtet uns, aber tröstet unsere Seelen und gebt uns die Hoffnung zurück, sonst töten wir uns alle selbst!"

Für wen hast Du gepredigt? Für die wenigen Tausend, die fähig, Dir nachzufolgen, die sich nicht beteiligten an jenem Turmbau und stark genug, zu widerstehen? Die vielen Millionen, die schwach, die Sünder, sie alle sind nur für die Starken da?

Wir Hüter des Glaubens, wir glauben das nicht, wir nehmen jeden auf, der uns seine Freiheit schenkt und gehorsam im Glauben zu werden bereit. Wir tun, wozu Du nicht gewillt zu sein scheinst, denn sonst hättest Du die Menschheit längst erlöst: So hattest Du es doch angekündigt! 

Solange Du nicht wiederkommst in Herrlichkeit, in Herrlichkeit! und nicht in einem zerrissenen schmutzigen Mantel aus stinkender Schafswolle, solange Dein Reich nur Worte, solange brauchen wir Großinquisitoren, Scheiterhaufen, Folter, damit die vielen Millionen ihren Zweifel überwinden und anbeten können, was nicht vom Zweifel zersetzt werden darf. 

Der Zweifel stärkt den Glauben allein der Starken, den Glauben der Schwachen zerfrisst und tötet er.

Und Du glaubst, um der Freiheit willen und des himmlischen Brotes willen, dürftest Du die Menschheit in diesen Abgrund gehen lassen? 

Glaube mir, der Mensch, der keinen Sinn mehr in seinem Leben zu erkennen vermag, weil Du ihn überforderst, der seine Vorstellung davon verliert, wozu er lebt, wird nicht nur unglücklich werden, diese Menschen werden es sogar vorziehen, sich selbst zu vernichten, im Rausch, im Wahn oder am Strang!

Mittwoch, 18. April 2018

Der Großinquisitor, Teil 3

Es ging ein leichter Luftzug modriger Kellerluft, die Kerzen flackerten und warfen ihre Schatten unruhig auf das erschöpfte Gesicht des Großinquisitors. Obwohl er zu frösteln schien in seiner dicken braunen Kutte, hatte er Schweißtropfen auf der Stirn und wischte er sich mit der Hand über sein Gesicht. Er ging zu dem Tisch, vor dem ein Hocker stand, ließ sich darauf fallen, als hätte er die Kraft nicht mehr, sich aufrecht zu halten, und stellte den Leuchter auf den Tisch. Man konnte seinen Atem hören und das Rasseln, als seien seine Lungen verschleimt und fehlte ihm die Kraft zum Husten. Er versuchte es, aber es war nur ein mühseliges, scheiterndes Aufbegehren seiner Lungen.

Nach einigen Minuten richtete er seinen Blick mit geröteten, glasigen Augen wieder auf ihn:

"Als ich ein kleiner Junge war, habe ich Dich aus ganzem Herzen geliebt. Nichts schien mir schöner, als Dich zu lieben, Dich und meine Mutter, Respekt zu haben vor Gott und meinem Vater. Ich stand mit mir in Einklang und das Leben war mir ein Wunder. Kein Unglück, das mich länger hätte betrüben können. Ich las täglich die Evangelien und lernte viele Kapitel auswendig, ohne ihre Tiefe zu begreifen zwar, aber mich daran berauschend, dass sie bedeutsam und ich mit meinem Herzen vorzutragen wusste. Die Erwachsenen, meine Lehrer, alle liebten mich dafür und lobten, legten ihre Hand auf meinen Kopf. Nie fehlte mir Geld für Obst und Backwaren bei den Händlern, wie es mir beliebte. Oft schenkte ich meinen Freunden davon.

Dann aber lag ich eines Nachts im Bett und begann über die Worte nachzudenken.  "Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen." hattest Du gesagt! Du hattest Dein baldiges Wiederkommen versprochen. Mehrfach!

Das stimmt doch nicht, dachte ich zum ersten Mal, als ich zwölf Jahre alt und mit diesem: "Das stimmt doch nicht", war mein Glück wie das an einer schön gefärbten Kugel aus Glas zerplatzt!

Seitdem hielt ich mich stattdessen fest an Deinem Satz: "Wenn einer mir folgen will, verleugne er sich, nehme sein Kreuz und folge mir nach. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden." Ich hielt mich daran fest, war aber nicht mehr glücklich!"

Der Großinquisitor, Herr über Leben und Tod, der hunderte in die Flammen geschickt, schluchzte auf und Tränen rannen über sein Gesicht, dann fing er sich und fuhr fort, mit brüchiger Stimme, klagend und trotzend:

"Ich habe das Kreuz auf mich genommen und wurde Sevillas Großinquisitor, vor dem selbst der König zittern muss. Du wolltest die Menschen befreien, doch hast Du heute mit Deinen eigenen Augen gesehen, was die Menschen mit ihrer Freiheit gemacht: Sie haben sie mir zu Füßen gelegt, damit ich ihnen sage: Ja, ich nehme im Namen des Herrn die Last der Sünden von euch, auf dass ihr eingeht, rein und selig in das Reich des göttlichen, ewigen Lebens.

Sie geben ihre Freiheit auf, damit ich sie mit einer Lüge glücklich mache."

Er versuchte seine Stimme zu empören, aber ein Hustenanfall hielt ihn ab. Als er sich erholt, wiederholte er "Mit einer Lüge, mit einer Lüge!"  


"Nichts war für die Menschen unerträglicher als die Freiheit, sich eigenverantwortlich zu entscheiden für das Gute oder das Schlechte. Als der Geist in der Wüste Dir anbot, Steine in Brot zu verwandeln, um auf diese Weise Dir die Menschheit zur Herde zu machen, lehntest Du ab. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, antwortetest Du. 

Und dennoch betete ich als Knabe mehrmals täglich: Vater unser im Himmel: gib uns unser täglich Brot.

Wusstest Du, dass die Kirche nach hunderten von Jahren einstimmen würde in den Ruf:

Es gibt keine Verbrechen, keine Sünde, es gibt allein die Hunrigen. Mache sie erst satt und verlange dann von ihnen Tugend.

Wer kein Dach über dem Kopf, nicht weiß, wo seine Notdurft verrichten, wer vor Einsamkeit schreien und weinen möchte, wer von Schmerzen übermannt, der hat ein Recht, dass ihm geholfen wird, dann erst hast Du Sohn Gottes das Recht, Tugend einzufordern.

Du bist Gottes Sohn und Menschensohn, aber was wusstest Du vom Hungernden, der kaum noch Kraft, die Fliegen von seinen Augen fortzujagen, wenn man ihm ein Stück duftenden Brotes vor die Nase hält. 

Du sagtest Nein, es gäbe wichtigeres, die Menschen aber können nicht anders, als sich von Deiner Moral abzuwenden, um das Stück Brot zu ergreifen und zu verschlingen.

Und darum braucht es mich, der ich ihre Sünden sehe, sie von ihnen nehme und das Himmelreich dafür verspreche, wenn sie tun, was ich ihnen auftrage. Sie sollen das Brot essen, dafür aber Steine schleppen, zur größeren Ehre Gottes und für mich!

Dienstag, 17. April 2018

Der Großinquisitor! Teil 2

Mit finsterem Gesicht tritt der Großinquisitor, begleitet von seiner Wache, vor ihn. Forschend schaut er in seine Augen, wendet sich dann ab, dem Volk zu. Die Menschen senken die Köpfe, blicken zu Boden und schweigen.

"Ite, missa est", "Gehet, denn ihr seid gesandt", spricht er und die Menge antwortet: "Deo gratias.". 

Mit einem Wink befiehlt er der Wache, ihn festzunehmen, wendet sich um und schreitet aus der Menge heraus, dem Gebäude des Tribunal del Santo Oficio de la Inquisición entgegen.

Die Wache führt den Gefangenen in ein gewölbtes Verlies und schließt ihn dort in einen der Kerker. Nichts geschieht, die Nacht bricht an. Erst tief in der Dunkelheit erscheint der flackernde Schein einer Fackel. Die schwere eiserne Tür des Kerkers wird geöffnet, ein tritt der Großinquisitor und lässt die Tür hinter sich wieder schließen.

Er schweigt lange, bis er das Wort an den Gefangenen richtet:

"Bist Du es? Aber antworte nicht, schweig! Schweig, denn Du hast kein Recht, dem, was Du früher gesagt, irgendetwas hinzuzufügen, nicht jetzt, 1500 Jahre später!

Warum bist Du gekommen? Uns zu stören? Wisse: Morgen werde ich Dich verurteilen als Ketzer und verbrennen lassen auf dem Scheiterhaufen und dasselbe Volk, das Dir heute noch zujubelte, als Du das Mädchen wieder zum Leben erweckt und den Blinden sehend gemacht hast, dieses Volk wird morgen auf meinen Wink zu Dir stürzen und die mitgebrachten Kohlen in den brennenden Reisig werfen, wird sich an Deinen Schmerzensschreien ergötzen, wie sie es all die Jahre zuvor mit all den anderen getan!

Keine Hand wird sich erheben, wider mich, keine Hand, um Dich zu befreien! Spucken werden sie, um Dir ihre Verachtung zu zeigen. Warum also bist Du gekommen, wenn Du es doch hättest wissen können, ja wenn Du es doch weißt?

Als Du am Kreuze hingst und starbst, hast Du die Menschheit allein gelassen und bist aufgefahren in Deine Gottesseligkeit. Da hast Du alles übergeben in die Hände Deiner Apostel, an Petrus, also gehört jetzt alles der heiligen katholischen Kirche.

Du darfst zu dem, was Du gesagt und getan auf Erden, nichts hinzufügen, denn Du nähmst uns die Freiheit, die Freiheit, die Du der Menschheit geschenkt, auf dass sie sich sich entscheide, für oder gegen Dich.

Ließe ich Dich auch nur einen Satz sprechen, es wäre ein neues Wunder und nähme meine und der Menschen Freiheit, uns zu entscheiden für oder gegen Dich.

Fünfzehnhundert Jahre mussten wir uns quälen mit dieser Freiheit, aber die Menschen haben uns die Freiheit dargebracht, ihre Freiheit uns zu Füßen gelegt, damit wir ihnen das Glück des rechten Glaubens und des reinen Gewissens schenkten, denn nicht der zweifelnde Rebell ist glücklich, sondern wer den Glauben, seinen Platz gefunden in der Herde und weiß, welchen Weg zu gehen.

Du gabst uns das Recht zu binden und zu lösen, Du kannst es und Du darfst es uns nun nicht mehr nehmen."

Der Großinquisitor!

Sevilla zur Zeit der Inquisition. Zum größeren Ruhme Gottes brennen die Ketzer! Am Tag zuvor auf dem Platz vor dem Dom fast einhundert von ihnen.

Der Platz riecht nach dem verbrannten Fleisch und Windstöße wirbeln die schwarze Asche des Sühnetodes dieses kalten Frühjahrsmorgens durch die Luft.

"Ihn, der sich selbst erniedrigt und gehorsam bis zum Tode am Kreuz, hat Gott über alle erhöht". Es war recht und billig, dass jene, die ohne Reue seinen Namen beschmutzten, für ihre Verstocktheit brannten, auf dass die Sünde getilgt und sie eingingen ins Reich des ewigen Lebens.

Der Großinquisitor sieht, wie an einer Stelle des Platzes sich immer mehr Menschen um einen einfach gekleideten jungen Mann scharen. Still steht er dort, einige Menschen beginnen zu singen, andere fallen vor ihm auf die Knie.

Sind das Liebe und Barmherzigkeit, die aus seinen Augen und seinem Herzen strömen? Das Volk ruft entzückt: "Wir erkennen Dich!" Mehr und mehr strömen zusammen, umringen ihn, die, die gestern vor Wut und heimlicher Lust schrien, mit steifem Glied beim Anblick der sich windenden Leiber, dem entsetzten Wimmern um Gnade, jener Lust am Grauen des Sterbens der anderen, sie sind verwandelt vom Anblick der Güte und  Ruhe. In ihm brennt die Sonne der Liebe, aus seinen Augen ergießt sich eine Kraft über und in die Herzen der Menschen, die sie jubeln lässt vor Freude und Glück, einander umarmen und weinen. 

Da erhebt er seine Hände und Arme, segnet ihre schmutzigen Seelen und die Menschen werfen sich nieder, küssen sein Gewand und sind wie verwandelt. Ein Greis ruft ihm zu: "Herr, Herr, ich bin blind. Heile mich, damit ich dich schaue." Und er heilt ihn. Das Volk stöhnt auf und ein Schluchzen geht durch die Menschenmenge, einige beginnen den Erdboden vor seinen nackten Füßen zu küssen. Kinder kommen herbei mit Blumen, werfen sie übermutig in die Luft, viele Frauen singen: "Hosianna, Hosianna! Der Herr ist bei uns. Er ist wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird nun mehr kein Ende sein." 

Vor dem Portal des Domes bleibt er stehen, vor einem offenen kleinen weißen Kindersarg, der dort zum letzten Gottesdienst geführt wird, mit dem unschuldigen Antlitz eines siebenjährigen Mädchens. Die Mutter des Kindes wirft sich ihm zu Füßen: "Herr, wenn Du es bist, so erwecke mein Kind zum Leben zurück."
 
Und er spricht: "Talitha Kumi!"

Das Mädchen öffnet die Augen, erhebt sich und blickt um sich: verwirrt lächelnd. 

Der Jubel wandelt sich in Ekstase, die Mutter des Kindes schrillt von klagendem Winseln in sich überschlagendes Lachen, während sie das Kind mit Küssen überschüttet. 

Da tritt er hervor, in seiner alten, groben Mönchskutte, die Menge weicht zurück und stellt er sich vor ihn: der Großinquisitor.